Nachvollziehbares Handeln sieht anders aus

Ich war von 1982 bis 2015 als angestellter (protestantischer) Lehrer mit den Fächern Deutsch sowie Politik und Wirtschaft an der Liebfrauenschule in Bensheim tätig. Von dem dort herrschenden herzlichen Klima zwischen allen Beteiligten (Lehrerkollegium, Schülerinnen, Elternschaft, sonstige Mitarbeiter) derart beeindruckt und angetan, dass ich in all den Dienstjahren, die ich an der LFS zugebracht habe, auch nicht einmal daran gedacht habe, als beamteter Lehrer in den Staatsdienst zu wechseln.

Mit anderen Worten: Ich habe stets gerne und motiviert an der LFS unterrichtet und mich mehr und mehr mit dem Selbstverständnis dieser für mich und ganz viele andere so „besonderen“ Bildungseinrichtung in kirchlicher Trägerschaft identifiziert. Das ist ein Pfund, mit dem die Liebfrauenschule gerade auch in der Öffentlichkeit schon immer wuchern konnte.

Es trifft genau die Falschen

Eine Änderung der Trägerschaft würde aber in meinen Augen diesen überaus hohen Identifikationsgrad sowohl der Lehrerschaft als auch der Schülerinnen mit „ihrer“ LFS stark gefährden, womöglich sogar unterminieren. Die Liebfrauenschule ist keine kirchliche Institution, die ohne einen erheblichen Substanzverlust an den Meistbietenden verhökert werden könnte!

In diesem Zusammenhang sei mir zudem noch die Bemerkung gestattet, dass die Katholische Kirche an ihren derzeitigen finanziellen Kalamitäten (ständig sinkende Mitgliederzahlen in Verbindung mit Einbußen bei der Kirchensteuer) ja nicht so ganz unschuldig ist, um es mal vorsichtig auszudrücken (Missbrauchsskandale und deren z.T. wenig überzeugende Aufarbeitung, die andauernde Benachteiligung von Frauen in zentralen kirchlichen Bereichen etc.). Mit einem Abstoßen kirchlicher Bildungseinrichtungen wie der Liebfrauenschule in Bensheim würde das Bistum Mainz aber zielsicher genau die Falschen treffen, nämlich gerade diejenigen, die für die angespannte finanzielle Situation der Katholischen Kirche gewiss am wenigsten verantwortlich zu machen sind und die möglicherweise – wenn überhaupt – noch ein wenig gegensteuern könnten.

Eine Art „Bestandsgarantie“

Und noch etwas: Welcher Logik folgte eigentlich die Einführung eines – ja nicht unumstrittenen – Schulgelds, wenn bereits nach kaum mehr als einem Jahr (!) der Mainzer Oberhirte beschließt, die Liebfrauenschule besser völlig fallenzulassen, frei nach dem Motto: „Sollen sich doch andere von nun an um meine ,Schäfchen’ kümmern!“?

Nachvollziehbares Handeln des Bistums im Geiste seines Sendungsauftrags sieht deutlich anders aus, zumal sich auf der Website der LFS bis heute noch immer folgende Mainzer Erklärungen nachlesen lassen, aus denen sich eigentlich eine Art „Bestandsgarantie“ für die vier hessischen Bistumsschulen im Zusammenhang mit der Einführung des Schulgelds herauslesen lässt: „Gute Schule kostet Geld. Dafür sind wir im Bistum bereit, mit erheblichen Kirchensteuermitteln die Schulen zu finanzieren (…). Darum möchte das Bistum zum Erhalt seiner Schulen rechtzeitig verantwortungsvoll planen. (…) Die katholischen Schulen müssen (…) langfristig abgesichert und zukunftsfähig gemacht werden. Dazu braucht die Diözese Planungssicherheit mit festen Einnahmen. (…) Die Entscheidung für das Schulgeld ist uns nicht leicht gefallen, aber wir möchten sicherstellen, dass trotz Rückgangs der Katholikenzahlen und sinkender Einnahmen aus der Kirchensteuer auch künftig ein schulisches Bildungsangebot auf der Basis des christlichen Menschenbildes gewährleistet werden kann“ (> aus den gemeinsamen Schreiben von Weihbischof und Generalvikar Dr. Udo Markus Bentz sowie der damaligen Ordinariatsdirektorin und Dezernentin für Hochschulen und Schulen Gertrud Pollak an die Eltern der betroffenen Schülerinnen vom 6.9.18 bzw. 12.9.18).

Und am 17.12.18 schrieb Frau Pollak den Eltern zudem: „Engagieren wir uns weiter für Katholische Schulen. Sichern wir gute Qualitätsstandards im Miteinander (!) von Schulträger, Lehrenden, Lernenden und ihren Eltern.“ Alles schon vergessen? Alles nur Worthülsen, leere Versprechungen und damit bloße Makulatur?

Erhebliche finanzielle Leistungen

Im Übrigen: Was ist denn mit der „Planungssicherheit“ für die Eltern? Haben die etwa keinen – u.U. sogar justiziablen – Anspruch darauf, wo doch die Elternschaft gerade im Falle der LFS in der Vergangenheit oft erhebliche finanzielle Leistungen geschultert hat (z.B. Mediathek u.v.m.)? Mit anderen Worten: Ich sehe da auch mögliche juristische Auseinandersetzungen auf das Bistum Mainz zukommen.

Was mich allerdings fast noch mehr irritiert und geradezu erschreckt, ist die Art und Weise, wie das Bistum Mainz seine Entscheidung hinsichtlich der zukünftigen Trägerschaft der Liebfrauenschule kommuniziert hat. Wie kann es denn sein, dass ausgerechnet die Katholische Kirche, die in ihrem Arbeitsrecht von einem „Dritten Weg“ ausgeht und die Vorstellung einer „Dienstgemeinschaft“ von Dienstgebern und Dienstnehmern im Bereich des kirchlichen Arbeitsrechts predigt bzw. postuliert (was nach meinem Verständnis ein besonders enges Vertrauensverhältnis zwischen beiden Seiten voraussetzt), im Falle der Liebfrauenschule – und sicherlich auch der anderen betroffenen kirchlichen Bildungseinrichtungen des Bistums – die nichts ahnende Dienstnehmerschaft so gut wie unangekündigt und quasi „par ordre du mufti“ vor vollendete Tatsachen stellt bzw. mit einem „ganz oben“ gefassten Beschluss von existenzieller Bedeutung konfrontiert, ohne zuvor auch nur ansatzweise den Versuch unternommen zu haben, mit den angeblich so geschätzten Mitarbeitern im echten Sinne des Wortes gemeinsam ins Gespräch zu kommen, um möglicherweise sogar gemeinsam Lösungen zu finden?

Das macht betroffen

Sind Intransparenz und Dichotomie wirklich Wesensmerkmale des „Dritten Wegs“, den die Katholische Kirche beschreitet? Es sieht – leider – ganz so aus. In der Privatwirtschaft hätte ein solcher Prozess der Entscheidungsfindung und -verkündung jedenfalls wohl kaum weniger arbeitnehmer-freundlich gestaltet werden können. Und das macht einen betroffen, gerade wenn und weil einem der Bildungsauftrag von Schulen in kirchlicher Trägerschaft schon seit vielen Jahren am Herzen liegt.

BA, 27.20.2020